Bereits zum 10. Mal lud der Kreisverband Aschaffenburg zu einem EUROPA SALON in das Kulturcafé Krem. Unter dem Eindruck elementarer Bedrohung unseres Kontinents durch autoritäre Mächte und Kräfte von außen, aber auch von innen, stand das Thema MACHT – RECHT – WERTE im Fokus der Betrachtungen.

Reinhard Paczesny führte in die Thematik ein mit einer viele Jahre zurückliegenden persönlichen Begegnung mit dem chilenischen Wissenschaftler Humberto Maturana. Unter dem Diktator Pinochet wurde dieser wegen seiner Regimekritik ein paar Monate eingesperrt und dann Knall auf Fall wieder entlassen. Nach seiner eigenen Einschätzung ging es darum, ihm zu zeigen, wie es laufen kann, wenn man ‚den Mund zu voll nimmt‘, und wie es sich anfühlt, bar jeder Rechte geschweige eines Hauchs von Respekt und Mitgefühl einem ruchlosen Regime vollkommen ausgeliefert zu sein.

Gerhard Luber
Foto: Oana Oravitan-Stenger

Gerhard Luber betrachtete in seinem in vier Kapitel gegliederten Vortrag die Systematik der Vorgehensweise autoritärer Regime.Anhand von Beispielen schilderte er dann eindrucksvoll, wie in der darauffolgenden Phase der BEUNRUHIGUNG Gegner der liberalen Demokratie (auch bei uns!) mit Alternativmodellen in Richtung autoritärer, totalitärer Staat schleichend Ansehen gewinnen.
In einer dritten Phase der BEDROHUNG suchen und finden die Gegner der liberalen Demokratie (Fides, PiS, FPÖ, Rassemblement National, Partij voor de Vrijheit, Danks Folkeparti, Die Finnen, AfD) viele Möglichkeiten eines totalitären Zugriffs auf System und Individuum, sei es über staatliche Strukturen, wie die Blockade von Parlamentsarbeit, über die Justiz durch die politisch einseitige Besetzung frei werdender Richterstellen, über die Wissensinstitutionen wie Schule und Universität durch Lehrpläne, Prüfungsinhalte und Vergabe von Stipendien, bis hin zur Kultur durch die Diffamierung resp. Propagierung von kulturellen Inhalten, durch die Diffamierung der Kirchen oder durch die Schmähung einer Erinnerungskultur z.B. durch Gedenkstätten.
In dem mit SEISMOGRAPH überschriebenen vierten Kapitel äußerte Gerhard Luber seine Besorgnis über das Verschwinden von Einigkeit über grundlegende Vorstellungen, die einst etwa bei „Wiedervereinigung“ bei politisch weit auseinanderliegenden Charakteren wie Alfred Dregger und Hans-Jochen Vogel durchaus vorhanden waren, heute aber bei „Asyl“ selbst innerhalb der CDU – Thorsten Frei vs. Phillip Amthor – gefährdet sind. Dies führe zu einer immer aggressiver werdenden Lagerbildung im politischen Diskurs und zur Verschärfung der politischen Kommunikation, was einen permanenten Wahlkampf zur Folge hat.

 

Andreas Lippert
Foto: Oana Oravitan-Stenger

Ute Heininger-Lippert (Flöte) und Andreas Lippert (Cello) sorgten nach Gerhard Lubers ernsten Einlassungen für Entspannung durch Musik. Zunächst spielten sie ein Duo für Klarinette und Fagott von Ludwig van Beethoven in einer (Lippert-)eigenen Bearbeitung für Flöte und Cello,
dann drei Lippert-Bearbeitungen von ukrainischen Volksliedern und drittens die Badinerie aus der Orchestersuite Nr. 2 in D-Dur von J. S. Bach, ebenfalls in einer Lippert-Bearbeitung.

Ute Heininger-Lippert
Foto: Oana Oravitan-Stenger

 

 

 

Reinhard Paczesny
Foto: Oana Oravitan-Stenger

Gemäß der traditionellen Grundstruktur aller Europa Salons POLITIK – MUSIK – LITERATUR las Reinhard Paczesny abschließend aus seinem jüngsten Werk „LEICHTIGKEIT – Eine Geschichte vom guten König“ überaus eindrucksvoll zu den Irrsinnspfaden der Macht. Darin geht es am Beispiel des Englischen Königs Heinrichs VIII. um Macht. Wie sie Herrscher und Beherrschte formt, verformt und schließlich zu Grunde richtet. Zu allen Zeiten.
Mit seinem Buch konnte Reinhard Paczesny auch Experten überzeugen und war bei der diesjährigen Leipziger Buchmesse schon zum zweiten Mal vertreten.

 

Schließlich gab Bernhard Hench, eine der zentralen Persönlichkeiten in der Aschaffenburger Kulturszene und regelmäßiger Gastgeber der Europa Union, auf Nachfragen einen höchst anregenden Einblick in Leben und Werk des im September 2024 verstorbenen Künstlers Boris Fröhlich, von dem Werke im Kultur-Café Krem aktuell zu sehen sind.

Bernhard Hench und Reinhard Paczesny
Foto: Oana Oravitan-Stenger

Der Abend endete im regen Austausch der Anwesenden mit den Vortragenden.